Samstag, 4. April 2015

Der Fake Faktor - Rückblick

Januar 2004: Die privaten Fernsehsender feiern 20. Jubiläum. Beispiel RTL: Die Station, die sich ab 1984 am erfolgreichsten neben ARD und ZDF etabliert, zeigt in zwei Jubiläumsshows „die größten Stars, die schönsten Momente und die lustigsten Pannen“ aus der TV-Geschichte. Gastgeber Oliver Geissen begrüßt neben Thomas Gottschalk, Marcel Reif oder Mike Krüger auch Günther Jauch. Der verkörpert wie kein Zweiter den Aufstieg des deutschen Privatfernsehens: Schmunzelnd schildert der TV-Star, der jahrelang zwischen den öffentlich-rechtlichen und privaten Stationen hin und her wechselte, seine Erfahrungen aus den letzten beiden Jahrzehnten deutscher Mediengeschichte.

Heute sind RTL Television, die Pro SiebenSat.1 Media AG (im August 2005 nach exakt zweijährigem Intermezzo in der Hand einiger Investoren um den israelischen Milliardär Haim Saban an den Axel Springer Verlag veräußert), die Musikkanäle Viva und MTV, der Sportsender DSF, der Nachrichtenspezialist n-tv oder der Familiensender Super RTL aus der deutschen Medienlandschaft nicht mehr fortzudenken. Sie sind zentrale Player in der Medienwirtschaft, erlösten netto 2004 laut Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft zusammen über 3,5 Milliarden Euro Werbegelder, während sich die öffentlich-rechtliche Konkurrenz mit knapp 294 Millionen Euro abspeisen lassen musste.

Gleichzeitig lehrten die Kommerziellen die per Zwangsgebühr finanzierten ARD und ZDF mit innovativen Formaten das Fürchten: Auf die Krawallshow Der heiße Stuhl, ab 1991 bei RTL zu sehen, schießt sich die TV-Kritik ein; Reinhold Beckmann macht 1992 die Bundesligaspiele für Sat. 1 zum Zuschauermagneten; RTL inszeniert im Gegenzug die Formel 1 zum Rennzirkus; der satirischen Late Night Show mit Harald Schmidt wiederum bei Sat. 1 kann bis zu deren plötzlichem Ende im Dezember 2003 niemand etwas entgegensetzen. 

Die Öffentlich-Rechtlichen trudeln unterdessen in eine Dauer-Identitätskrise. Das ZDF sendet am jugendlichen Zuschauer vorbei, entwickelt sich zum Lieblingssender der „Kukident-Generation“, wie Ex-RTL-Geschäftsführer Helmut Thoma einmal ironisch anmerkte. Nicht nur Bürger, sondern auch Politiker fragen, ob eine quasi automatische Erhöhung der Rundfunkgebühren angesichts von Leistung und Angebot bei ZDF und ARD noch zu rechtfertigen ist. Genau darüber liegen die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF), die  Ministerpräsidenten der Länder und die Privatsender mit schöner Regelmäßigkeit miteinander im Clinch.

Vielen geht der öffentlich finanzierte Expansionsdrang in Wirtschaftsfelder, die nichts mehr mit dem Auftrag zur Grundsicherung der Meinungsvielfalt zu tun haben, zu weit. Beispiel Spartenkanäle: Aus welchem Grund rufen ARD und ZDF etwa im Frühjahr 1997 den „Kinderkanal“ ins Leben? Wohl doch, um dem Ende 1998 nach wenigen Jahren eingestellten US-Kindersender „Nickelodeon“ die Refinanzierung durch Werbung schwer zu machen.






Show und Infotainment - RTL-Chef Helmut Thoma setzt im Programm seines Senders klare Prioritäten, die öffentlichen Konkurrenzsender ARD und ZDF kupfern Formate eifrig ab.


 
Tatsache seit Langem ist auch die Angleichung der Inhalte zwischen den privaten und öffentlich-rechtlichen Stationen. Keine Talkshow im Programm der Privaten, die nicht von staatlich alimentierten Sendern adaptiert worden wäre. Bei der ARD pubertieren Teenies in der Seifenoper Marienhof, bei RTL machen sie sich seit über einem Jahrzehnt in Gute Zeiten, schlechte Zeiten Gedanken über Liebe, Sex und Leidenschaft.

Auch in einer der Domänen von ARD und ZDF, der Information, bieten die privaten Magazine Spiegel TV, stern TV (beide der Bielefelder Bertelsmann AG zugehörig) oder Focus TV (aus dem Münchner Burda Verlag) der Konkurrenz Paroli. Ausnahme: Die Nachrichtenbastionen Tagesschau und heute. Zu denen konnte in puncto Zuschauergunst nur RTL aktuell annähernd aufschließen.

Über 20 Jahre kommerzielles TV-Programm - ein Boom für die ganze Medienbranche: ob Moderatoren, Redakteure oder Produktionsgesellschaften, Print, Hörfunk oder Public Relations. In den 90er-Jahren scheint es, als seien dem Wachstum keine Grenzen gesetzt. Als dann 2002 die graue Eminenz des deutschen Fernsehens, Leo Kirch, mit seinem Imperium aus Sendern, Produktionsgesellschaften und der größten Filmbibliothek weltweit in die Pleite schlittert, ist die Blase vom unendlichen Wachstum bereits geplatzt.

Bis dahin herrschte lange Zeit Goldgräberstimmung. Die Medien - ein Dorado, in dem sich immer wieder kleinere Skandälchen wie um das Thema „Reality TV“ im Jahr 1992 ereigneten, aber auch veritable Skandale, die eine ganze Fernsehnation erschütterten. Ein solcher zeichnet sich im Winter 1995 ab. Und es ist symptomatisch für das Selbstverständnis der Branche, dass die zwar nichts so sehr liebt, wie Pleiten, Pech und Pannen anderer genüsslich und in Zeitlupe auszukosten, sich aber beim Kehren vor den eigenen Sendertüren zurückhält.

Es ist aus Imagegründen nachvollziehbar, dass dieser Betrugsfall - der größte in der deutschen TV-Geschichte - im Jubiläumsjahr mit Schweigen übergangen und nicht etwa in der RTL-Show Anfang Januar unter der Rubrik „die größten Skandale“ thematisiert wurde. Ein einmaliger Skandal, der die Glaubwürdigkeit des Fernsehjournalismus im Mark traf, schlummert in den Giftschränken der Senderarchive dem Vergessen entgegen.

Die Akteure darin: ein zwielichtiger freier Autor und ein  freischaffender TV-Star. Beide sorgen genau ein Jahr lang dafür, dass die eher distinguierte TV-Branche mal mehr, mal weniger subtil aneinander gerät und sich mit Vorwürfen überschüttet. Ganz zur Freude ihrer Berufskollegen, die dieses Auflagen und Quotengarantierende Branchenereignis bis ins letzte Detail für ihre Leser und Zuschauer in Szene setzen.

 

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